Sozialcourage

Interview

"Als Weihbischof auch mal vorangehen"

Franz Josef Gebert

Herr Prälat, Sie sind in einer herausfordernden Zeit Weihbischof geworden: Im Bistum Trier läuft der Umsetzungsprozess der Synode. Laut dem Vorschlag der Teilprozessgruppe Raumgliederung soll es künftig 35 große Pfarreien geben. Wie soll dieser Wandel gestaltet werden?

Die Synode selber hat ja hierfür die Richtung angegeben: Großräumig denken und die vielen örtlichen "Kirchorte" und kleinen Initiativen und Räume in ihrer Eigenständigkeit stärken. Ich finde es höchst spannend, hier nicht mehr von einer einzelnen Pfarrei her zu denken sondern z. B. die Perspektive einzunehmen: Katholische Kirche zum Beispiel in der Stadt Koblenz. Da finden wir unendlich viele Aktivposten und Mitspieler. Das betrifft dann nicht nur die bisherigen Pfarreien im engeren Sinne, sondern auch alle anderen kirchlichen Organisationen, Verbände, usw. ... Interessant finde ich hierbei die geplante Erkundungsphase mit "Erkundungsteams", die von außen kommen und sich umschauen. Ich bin überzeugt: Wir werden überrascht sein, was es alles zu entdecken gibt und was wir bisher wenig im Blick haben.

Was ändert sich für die Caritas in diesen neuen Strukturen?

Eine der Schwerpunktziele der Synode ist die "Diakonische Kirchentwicklung". Das meint, dass in allen Strukturen kirchlichen Lebens und der Seelsorge der caritative Auftrag stärker werden muss. Es gibt unendlich viel ehrenamtliches Engagement, das oft ganz im Verborgenen geschieht. In den Pfarreien der Zukunft muss ganz deutlich sein, dass die Diakonie genauso wie die Verkündigung und die Liturgie eine Grundaufgabe ist, die nicht an professionelle Dienste und Einrichtungen "delegiert" werden kann. Auch die organisierten Caritasstrukturen müssen sich auf einen gemeinsamen Suchprozess einlassen. Es gilt, eine neue Gestalt und eine neue Qualität der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen kirchlichen Bereichen zu finden.

"Neue Schritte wagen", haben Sie bei der Bekanntgabe Ihrer Wahl zum Weihbischof angekündigt. Wohin möchten Sie zuerst gehen?

Angesichts meines Alters war ich von der Bischofsernennung überrascht. Deshalb kommt mir der Aufruf der Synode "Schritte in die Zukunft wagen" - da ist ja bewusst das Wagnis angesprochen - auch als ganz persönliches Motto für meinen künftigen Dienst entgegen. Dieser Weg kann nur direkt über die Umsetzung der Synode gehen. Gemeinsam mit den vielen Frauen und Männern, den Jugendlichen und den Kindern, die mitgehen wollen, gilt es die richtigen Wege zu finden. Für einen Weihbischof geht es dann darum, diese Schritte zu begleiten und bisweilen auch einmal voran zu gehen.

Für eine engere Verbindung von Seelsorge und Caritas treten Sie schon lange ein. Im Juni wurde gerade ein neues Projekt der Altenheimseelsorge auf den Weg gebracht. In welchen weiteren Aufgabenfeldern kann dies denn auch gelingen?

Entscheidend hierbei ist, dass die vielen getauften und gefirmten Christen, die mitmachen und mitmachen wollen, sich und ihrer christlichen Berufung etwas zutrauen. Ehrenamtlich Tätige sind in unserer Kirche ja keine Hilfsarbeiter. Sie leben ihr eigenes Charisma. Der Apostel Paulus geht selbstverständlich davon aus, dass alle Getauften ein solches Charisma haben, das für den Aufbau der Kirche wichtig ist - und das es vielleicht neu zu entdecken gilt. Wir können auf niemanden verzichten. Was das sozial-caritative Engagement betrifft, so ist das auch immer schon gelebtes Evangelium, und darf es nicht von den übrigen Bereichen des kirchlichen Lebens isoliert werden. Diakonie ohne die Grundlage des Wortes Gottes und die Feier der Liturgie reibt sich wund im eigenen Tun. Liturgie und Verkündigung ohne die diakonische "Erdung" sind in Gefahr, hohl und zu einer belanglosen Sonderwelt zu werden.

Als Caritas-Vorsitzender reden Sie sozialpolitisch "Klartext", zum Beispiel, wenn es um humanitären Schutz für Flüchtlinge geht. Wie politisch darf ein Weihbischof sein? 

Ein Weihbischof darf und muss so politisch sein, wie das Evangelium politisch ist. Bischöfe sind nicht die besseren Politiker und auch keine Besserwisser. Es gibt viele verschiedene Wege und Konzepte, wie man die Grundlagen des politischen und sozialen Miteinanders verantwortlich gestalten kann. Deshalb gilt es, sich aus partei-politischen Fragen herauszuhalten. Hier haben auch Christen verschiedene Optionen. Wenn es aber um die Grundwerte des menschlichen Zusammenlebens und der Verantwortung für unsere Welt geht, muss die Kirche, müssen damit auch die Bischöfe, sich klar positionieren.

Was ist Ihr persönlicher Wunsch für Ihre Zukunft?

In den letzten Wochen habe ich sehr viel an Zustimmung aus dem ganzen Bistum erfahren. Auch von einem solchen Netz des Wohlwollens und des Segens aus dem Volk Gottes getragen, wünsche ich mir, dass Gott mir die Kraft und die Gesundheit gibt, in den nächsten Jahren meinen neuen Dienst in Freude und Zuversicht zu leben.

Interviewfragen: Gaby Jacquemoth