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Stand: 09.10.2017

Pressemitteilung

Interview

Zivildienst als Ort des sozialen Lernens

Hans WaxHans Wax (rechts) verabschiedet sich von seinem Kollegen Peter Nilles.Gaby Jacquemoth

Herr Wax, Sie haben 1989 die damals neu geschaffene Bistumsstelle für Zivildienstleistende übernommen, eine auch politische Aufgabe, die viel Fingerspitzengefühl erforderte. Warum?

Zum Zivildienst gehörte es, dass man als "Zivi" zunächst einmal einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung stellen musste. Dies ist so im Grundgesetz verankert. Jeder hatte das Recht, diesen Antrag zu stellen. Allerdings hat der Staat auch immer mit Argusaugen darauf geschaut, dass die Zahl der "Zivis" nicht so hoch werden sollte. Deshalb hat man auch lange an einem sogenannten Prüfverfahren, KDV-Verfahren, festgehalten und versuchte immer, über dieses Verfahren auch die Anzahl der Zivildienstleistenden zu steuern. Die Dauer des Zivildienstes war lange Zeit auch länger als die Dauer des Wehrdienstes. Hinzu kam, dass in vielen Einrichtungen eine gewisse Angst bestand, Kriegsdienstverweigerer bzw. Zivildienstleistende einzusetzen: Man befürchtete, dass die jungen Leute mit ihren unkonventionellen Ansichten die Einrichtung "umkrempeln" würden. Diese Ängste waren aber nicht begründet, denn in der Regel waren die Kriegsdienstverweigerer engagierte junge Leute, die anstelle des Bundeswehrdienstes einen sogenannten Friedensdienst in sozialen Einrichtungen leisten wollten. Auch die Kirche wollte Möglichkeiten schaffen, dass sie diesen Dienst am Menschen leisten konnten.

Der Zivildienst war immer ein Zwangsdienst als Ersatz für den Wehrdienst. Wie ist es gelungen, diese Zeit zu einer Lern- und Erfahrungszeit für junge Männer umzugestalten?

Kirche und Caritas haben den Zivildienst immer  als Ort sozialen Lernens verstanden. Für das Bistum Trier und die Caritas als Träger der Bistumsstelle für Zivildienstleistende  war es wichtig, dass die jungen Menschen, die sich im Rahmen ihres Zivildienstes  in sozialen Einrichtungen engagierten, pastoral und pädagogisch begleitet wurden. Sie engagierten sich in der Altenhilfe, der Krankenpflege, der Kinder- und Jugendhilfe,  der Behindertenhilfe, der Wohnungslosenhilfe oder der Gemeinwesenarbeit. Dort haben sie den Alltag in den sozialen Einrichtungen kennen gelernt, konkrete Erfahrungen gemacht und sind oft auch menschlichem Leid begegnet. Aus unserer Sicht war es wichtig, dass die Zivildienstleistenden die Möglichkeit hatten, ihre Erfahrungen zu reflektieren. Wir haben deshalb neben den sogenannten Einführungsseminaren auch Werkwochen angeboten, damit sich die "Zivis" mit den Fragen ihres Lebensalltages auseinander setzen konnten.

Seit 2004 sind die Freiwilligendienste in der Arbeitsstelle der Sozialen Lerndienste zusammengefasst. Welche Angebote machen die Lerndienste?

Die Arbeitsstelle der Sozialen Lerndienste wurde geschaffen, um Zivildienst und Freiwilligendienste unter einem Dach zusammen zu führen. Es gab für beide Dienstformen eine Menge Überschneidungen, die wir gemeinsam ausbauen und für die Arbeit mit den jungen Menschen nutzen wollten. Wir beraten Interessierte im Vorfeld des Freiwilligendienstes, unterstützen sie bei der Suche nach einer Einsatzstelle und begleiten sie während ihres Freiwilligendienstes. Dabei sind die  Seminare ein wesentliches Element der Begleitung. Diese gestalten wir gemeinsam mit den Freiwilligen so, dass sie ihren Alltag in den Einrichtungen reflektieren und sich mit gesellschaftlichen, religiösen und sozialen Fragen auseinander setzen können.

Zu den wichtigen Angeboten der Sozialen Lerndienste gehört auch die Beratung der Einsatzstellen in Fragen der Gestaltung des Dienstes und die Geschäftsführung für SoFiA e.V. (Sozialer Friedensdienst im Ausland).

Das neueste Angebot ist ein Freiwilligendienst für junge Geflüchtete. Was ist hier das Ziel?

Im Rahmen des Willkommensnetzes - Flüchtlingshilfe im Bistum Trier haben die Sozialen Lerndienste das Projekt Integration und Teilhabe ins Leben gerufen.

Es ist ein Integrationsangebot für junge Flüchtlinge. Genau wie die anderen Freiwilligen arbeiten sie in den Einrichtungen mit und lernen dort ein Stück des Alltags in Deutschland kennen. In den Seminargruppen tauschen sie sich mit deutschen Freiwilligen aus, die selbst in Projekten mit Geflüchteten eingesetzt werden. Dies war uns von vornherein wichtig: Es sollte keine Gruppe sein, die nur aus Flüchtlingen besteht, sondern deutsche Freiwillige und Geflüchtete lernen gemeinsam  in einer Gruppe und reflektieren ihre Erfahrungen. Wir machen sehr positive Erfahrungen mit diesem Einsatz. Im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes steht diese Möglichkeit auch älteren Geflüchteten offen.

Welche Rolle haben die Träger und Einsatzstellen bei der Begleitung junger Freiwilliger, was vermitteln sie an Werten?

Die Rechtsträger und vor allem die Einsatzstellen sind für die Sozialen Lerndienste ein wichtiger Partner, weil sie den Lernort "zur Verfügung stellen". In den vielfältigen sozialen Einsatzstellen sind die Freiwilligen tagtäglich unterwegs und machen dort konkrete Lernerfahrungen. Das geht natürlich nur, wenn sie in der Einrichtung gut  begleitet werden, das heißt,  Ansprechpartner haben, die mit ihnen den  Alltag gestalten. Die  Sozialen Lerndienste begleiten und unterstützen die Einrichtungen dabei, zum Beispiel durch Fortbildungen für die Praxisanleiter.

Heute engagieren sich so viele junge Leute wie noch nie freiwillig. Wie viele sind es bundesweit, in unserem Bistum?

Bundesweit haben wir zurzeit über 90.000 Freiwillige in einem Einsatzjahr. Das ist eine Zahl, die es vor 2011 noch nie gegeben hat. Im Bistum Trier sind seit August 2016 rund 700 junge Leute im Einsatz.

Was motiviert Ihrer Meinung nach die jungen Menschen?

Die Motive sind unterschiedlich. Zeit überbrücken, anderen helfen wollen, neue Erfahrungen sammeln, die eigenen Kompetenzen erweitern... Aus den Seminaren mit Freiwilligen und der begleitenden Evaluation wissen wir, dass der Freiwilligendienst für viele eine Zeit der Orientierung und Entscheidung ist. Welche Ausbildung oder welches Studium wähle ich, wie gestalte ich meine Zukunft, welche Lebensentwürfe sind für mich interessant? Sie erhoffen sich auf diese Fragen Antworten in der Zeit ihres Freiwilligendienstes. 

Sie wünschen sich, dass die Kirche wieder stärker auf ihre Friedensbotschaften aufmerksam macht. Warum ist das heute gerade in der Begleitung junger Menschen so wichtig?

In Zeiten des damaligen Zivildienstes oder der Kriegsdienstverweigerung war das Thema Frieden für uns und auch für die jungen Leute sehr präsent. Dieses Thema ist in den letzten Jahren verloren gegangen, sollte aber nach wie vor - gerade in der aktuellen weltpolitischen und gesellschaftlichen Lage - eine große Rolle spielen. Für uns als Soziale Lerndienste ist es sehr wichtig, dieses Thema auch in den Seminaren wieder aufzugreifen.

Sie waren seit über 35 Jahren Ansprechpartner für junge Freiwillige. Was waren ihre schönsten Erlebnisse, was hat Sie eher nachdenklich gestimmt?

Es ist natürlich schwer, ein einziges schönes Erlebnis herauszugreifen. Allgemein gesagt: Für mich war es immer wichtig zu sehen, dass viele junge Leute einfach die Chance ergriffen haben, während ihres Zivil- oder Freiwilligendienstes einfach Neues hinzu zu lernen. Das kann man immer wieder nochmal erleben, zum Beispiel auf Katholikentagen, wenn ehemalige Freiwillige an unserem Stand vorbei kommen und davon berichten, wie toll doch die Erfahrungen während ihres Freiwilligen Sozialen Jahres oder ihres Bundesfreiwilligendienstes oder des damaligen Zivildienstes waren. Es ist einfach schön, später noch zu erfahren, dass die Arbeit, die wir geleistet haben, immer wieder auf Zuspruch stößt. Zwischenzeitlich finden sich viele von ihnen in guten beruflichen Positionen wieder, wo sie ihre Erfahrungen von damals auch an die jungen Leute heute weitergeben können. Nachdenklich macht es mich zu erleben, wie schwer es ist, eine gesellschaftliche Anerkennung für das Freiwilligenengagement zu erreichen, daran müssen wir noch weiter arbeiten.

Was möchten Sie dem Team in den Sozialen Lerndiensten auf dem weiteren Weg mitgeben?

Immer eine gute Idee voraus! Im Kontakt mit jungen Menschen ist es wichtig,  innovativ und kreativ unterwegs sein, um den Freiwilligendienst als Bildungszeit zu gestalten. Ich wünsche meinem ehemaligen Team für die Zukunft alles Gute!

Interview: Pressestelle Diözesan-Caritasverband Trier

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