Zu Gast in Haus Eulenhorst: Tief berührt und beeindruckt vom Leben von Menschen mit Behinderung
Zuhören und Mitfühlen sind gute Voraussetzungen für die Erfahrung von "Lebenswirklichkeiten": Ich kann mich den Lebenswirklichkeiten anderer Menschen aussetzen; ich kann mitfühlen, wenn ich einem Menschen begegne, wenn er mich an seinem Leben teilhaben lässt. Und manchmal scheinen dann die Grenzen zwischen Ich und Du zu verschwimmen, und für einen kurzen Moment ist es, als wäre ich der Andere; für einen kurzen Moment wird seine Lebenswirklichkeit zu meiner Lebenswirklichkeit.
Von der X Ground Kirche zum Haus Eulenhorst
Ich möchte mich von der Wirklichkeit anderer berühren lassen, ich möchte Menschen begegnen, deren Alltag ich weder kenne, noch teile. Im Rahmen der Exkursion begleite ich den Einrichtungsleiter Herrn Holger Großklos ins Haus Eulenhorst in Koblenz-Metternich. Das Haus Eulenhorst ist eine stationäre Einrichtung der Eingliederungshilfe, eine besondere Wohnform, für erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung. Herr Großklos arbeitet dort schon seit vielen Jahren.
Wir treffen uns in Koblenz-Rauental in der X-Ground Kirche der Jugend für ein erstes Kennenlernen und Herr Großklos, der als Einrichtungsleiter die Begegnung mit den Bewohnern und Bewohnerinnen ermöglicht, beginnt zu erzählen; vom Haus, von den Wohngruppen, von den Aufnahmebedingungen, von den Mitarbeitenden, von den dort Wohnenden. Mir fällt es noch schwer zu folgen und mir unter den Informationen etwas bildlich vorzustellen, doch ich spüre, dass die Arbeit für Herrn Großklos nicht nur ein Job ist. Er kommt auf die Anfangszeit der Pandemie zu sprechen, auf die Bedingungen, unter denen nicht nur die Mitarbeitenden dort arbeiten, sondern auch die Bewohner und Bewohnerinnen dort leben mussten. Und ich merke, dass ich mich zum ersten Mal seit Beginn des Gesprächs emotional berührt fühle.
Wir entscheiden uns in der Gruppe dazu, den Weg zum Haus Eulenhorst zu Fuß anzutreten und nutzen die Zeit dazu, Fragen zu stellen. Es wird schnell klar, dass Herr Großklos mit vollem Einsatz für seine Bewohner und Bewohnerinnen lebt und alleine schon im Gespräch mit ihm bekomme ich ein vages Gefühl für die alltäglichen Kämpfe um Teilhabe von und Respekt für Menschen mit Behinderung. Wir sprechen von neuen politischen Bestimmungen, die die Arbeit im Haus Eulenhorst erschweren. Immer wieder entsteht mir der Eindruck, dass Menschen mit Behinderung damit zu kämpfen haben, überhaupt ernstgenommen und als gleichberechtigte Mitbürger und -bürgerinnen in Gesellschaft und Politik akzeptiert zu werden.
Eintauchen in eine andere Welt
Es kommt auch das Thema Verunsicherung im Umgang mit Menschen mit Behinderung auf. Ich spreche an, dass ich zwar mal in einer Ferienfreizeit mit Kindern mit einer Behinderung gearbeitet, aber mich im Umgang mit ihnen nie sehr selbstsicher gefühlt habe und mich frage, woran das wohl liegt. "Ich bin ja nicht die Einzige, der es so geht", sage ich. Herr Großklos spricht die Unbekümmertheit und Offenheit an, mit der viele Menschen mit Behinderung anderen Menschen oft begegnen. Manche Menschen mit Behinderung sind aufgrund ihrer Beeinträchtigung nicht in der Lage, die üblichen Abstände zum Gegenüber einzuhalten, der Kontakt ist meist viel direkter. Vielleicht ist es das, was verunsichert. Man baut um seine geistige, seine soziale Person oft diesen Sicherheitsabstand auf. Das vermittelt uns ein Gefühl von Unantastbarkeit, von Sicherheit, von Distanz aus der heraus wir agieren können.
So kommen wir auf die Frage, ob es eigentlich Dinge gibt, die man im Umgang mit Menschen mit Behinderung nicht tun sollte, Regeln, die einem gar nicht so bewusst sind. Ja, sagt Herr Großklos direkt. Duzen, zum Beispiel. Und so erzählt er von Menschen, die durch ihre legére Sprache mangelnden Respekt offen zeigen, indem sie diese erwachsenen Menschen, die sie nicht oder kaum kennen, einfach duzen.
Ich merke, wie ich Stück für Stück, Meter für Meter in eine neue Welt eintauche. Es ist ein wunderschöner sonniger Tag, und wie wir da so unter blauem Himmel an der Mosel entlang wandern, könnte man kaum meinen, dass man innerlich gerade in eine Welt eintaucht, die so unglaublich fern von der eigenen Wirklichkeit ist. Mehr und mehr lasse ich meine eigenen Erfahrungen mit Menschen mit Behinderung Revue passieren; ich merke, dass mich diese Erfahrungen und diese Welt mehr und mehr einnehmen.
Corona hat Spuren hinterlassen
Nach einem langen Spaziergang und großer Spannung erreichen wir das Haus Eulenhorst. Es liegt in einer ruhigen und schönen Wohngegend mit kleinen Gärten und umhertigernden Katzen. Wir lernen schon im Eingangsbereich einen Bewohner kennen, Herrn K.. Er bringt gerade das Essen für die Mitbewohner auf die Gruppe und verspricht uns, uns gleich das Haus zu zeigen.
Herr Großklos wirkt, als wäre er jetzt ganz zuhause - entspannt, fröhlich, ganz er selbst. Er zeigt uns kurz sein Büro, dann setzen wir uns raus auf die Terrasse und trinken zusammen Sprudel - endlich angekommen. Im Haus gab es gerade Mittagessen, die meisten Bewohner und Bewohnerinnen ruhen jetzt, und wir nutzen die Zeit um uns zu erfrischen und uns noch mehr erzählen zu lassen.
Es dauert nicht lange und Herr Großklos kommt erneut auf die Corona-Zeit zu sprechen. Man merkt, dass die Erlebnisse, die er und die anderen in dieser Zeit sammeln mussten, ihre Spuren hinterlassen haben. Stolz und dankbar erzählt er von Mitarbeitern, die trotz aller Gefahren und Unsicherheiten in dieser Zeit für die Bewohnerinnen und Bewohner da waren und die Arbeit in der Einrichtung aufrecht erhalten haben, aber auch von der großartigen Mitwirkung der Bewohnerinnen und Bewohner. Er erzählt, dass bei dem ersten Corona-Ausbruch im Haus vier Menschen in einer Woche gestorben sind und wie sehr das alle getroffen hat. Damals gab es weder ausreichend Masken, Desinfektionsmittel, geschweige denn Schutzkleidung oder Tests. Herr Großklos deutet auf ein Dachgeschoss im gegenüberliegenden Gebäude, in dem sechs Bewohner und Bewohnerinnen über einen langen Zeitraum abgesondert waren und aufgrund behörderlicher Bestimmungen in Teilen nicht einmal draußen spazieren gehen durften. Es gab Einweisungen von Bewohnerinnen und Bewohnern in die Psychiatrie, da diese mit den Umständen überfordert waren.
Ich habe mehr und mehr das Gefühl, dass ich diejenige war, die in einer Parallelwelt gelebt hat und hier das wirkliche Leben stattfindet, zu dem ich überhaupt keinen Bezug hatte. Wie haben diese Menschen das geschafft? Die Bewohnerinnen und Bewohner? Die Mitarbeitenden? Ich fühle mich unzulänglich und naiv, immer bedrückter, weil ich mir die Umstände dieser Zeit vorstellen muss. Ich bin total erleichtert, als Herr Großklos plötzlich sagt, dass diese Zeit aber jetzt vorbei ist und wir uns jetzt mal das Haus anschauen können.
Frau S. und ihre Bilder
Herr Großklos führt uns durch die Einrichtung. Es dauert nicht lange, da treffen wir auch schon auf Herr K. Er wirkt anfangs sehr aufgeregt und unsicher, zeigt uns aber fachmännisch das Haus, die Wohnbereiche, vielleicht auch mal das eine oder andere Zimmer eines Bewohners, der gerade schläft. Die Atmosphäre ist wieder angenehm, und ich kann mich von den Erzählungen der Pandemie etwas lösen, auch, wenn ich sie die ganze Zeit im Hinterkopf behalte. Hier ist es sehr wohnlich. Überall hängen Bilder an den Wänden, Tischdecken liegen auf den Tischen im Ess- und Gemeinschaftsraum. Es gibt auch ein gemeinsames Wohnzimmer, wo zusammen zum Beispiel Fußball geschaut wird.
Und so dauert es nicht lange, bis wir zum Zimmer von Frau S. gelangen. Frau S. ist die Verlobte von Herrn K., und mir fällt auf, wie harmonisch und liebevoll die beiden miteinander umgehen. Wir dürfen Frau S.s Zimmer betreten, sie freut sich immer über Besuch, sagt sie. In ihrem Zimmer gibt es ein Bett, einen Schreibtisch, einen Fernseher. Eigentlich sieht es ähnlich aus wie mein eigenes Jugendzimmer. Sie hat viele Stofftiere angesammelt, sie hat einen ganzen Korb voller Wollknäule, weil sie gerne strickt, und vor allem hat sie eine ganze Mappe voller selbstgemalter Bilder, die sie gerne verkaufen möchte. Der Fernseher läuft, mich lenkt das sehr ab, aber Frau S. sitzt in ihrem Sessel direkt davor und widmet ihre volle Aufmerksamkeit nur uns. Immer wieder kommt sie auf ihre Bilder zu sprechen; ich wünsche mir sehr für sie, dass sie Erfolg beim Verkaufen hat.
Frau S. erzählt, dass sie sich gerne etwas Geld dazu verdienen möchte. Sie ist nun in Rente, arbeitet schon seit einigen Jahren nicht mehr in der Werkstatt. Sie sagt, sie sei schon zu alt, schon 65, aber sie wirkt viel jünger, und irgendwie freue ich mich für sie, dass sie das so gut gelaunt sagt und dabei überhaupt nicht wie 65 aussieht. Ich beginne gleich, sie zu mögen, und trotzdem fühle ich mich noch ein wenig befangen. Ich komme mir irgendwie komisch dabei vor, in jemandes Schlafzimmer zu stehen und sie nach ihren Hobbies und Ähnlichem zu fragen, aber sie scheint sich sehr darüber zu freuen, dass da Leute kommen, die sich für sie interessieren. Ich glaube, Frau S. hat ein glückliches Leben. Das kann ich natürlich nicht wissen, aber sie wirkt irgendwie zufrieden. Vielleicht würde sie gerne mal öfters auf eine Feier gehen; auch sie erzählt von der Pandemie und dass man da kaum was unternehmen konnte. Mir kommt es unglaublich ungerecht vor, wie benachteiligt Menschen mit Behinderung während der Pandemie waren und wie wenig im Ausgleich für sie später getan wurde.
Und während ich da in dem kleinen Zimmer voller Stofftiere stehe, in mitten all der persönlichen Gegenstände eines Menschen, der mir vollkommen fremd ist, da fange ich mich plötzlich an zu fragen: Was, wenn ich an ihrer Stelle stehen würde? Sie könnte genauso gut ich sein und ich sie. Ich könnte die Frau sein, die in dieser "besonderen Wohnform" wohnt, die sich selbst nicht politisch vertreten kann. Die hilfebedürftig ist und all ihr Sein und ihre Habe in diesem kleinen Bereich hat. Und dann ist der Moment vorbei, denn wir verlassen ihr Zimmer wieder.
Die Trauerecke berührt
Im Rundgang durch das Haus kommen wir schließlich zu einer Wand, wo Fotos von Mitbewohnern und -bewohnerinnen hängen, die in den letzten Jahren verstorben sind. Wir treffen Herrn B., der sich bereit erklärt, uns von den Menschen auf den Bildern zu erzählen und uns ihre Namen zu nennen. Wir erfahren von Herrn Großklos, dass viele Beerdigungen der Bewohner und Bewohnerinnen anonym geschehen - die Bestattung liegt zumeist in den Händen des Ordnungsamtes oder der noch vorhandenen Familienangehörigen. Ich bin bestürzt. Das ganze Leben eines Menschen verschwindet dann einfach aus der Einrichtung; es gibt nur ein anonymes Grab irgendwo. Aber, so Herr Großklos, mit jedem Todesfall zelebrieren sie innerhalb des Hauses eine Trauerfeier; so können sich alle Bewohnerinnen und Bewohner sowie die Mitarbeitenden symbolisch von dem oder der Verstorbenen verabschieden.
Was bleibt
Unsere Zeit im Haus Eulenhorst geht langsam zu Ende. Es ist wirklich ein seltsames Gefühl, einfach durch die Türen hinaus zu gehen, all das Gesehene und Erlebte zurückzulassen; die Bewohner und Bewohnerinnen mit ihren Gefühlen, Gedanken und Hobbies, die Mitarbeitenden, von denen ich weiß, dass sie so eine harte Zeit in der Pandemie hatten, die Trauerecke mit den Bildern all der Menschen, die ihr Leben im Haus Eulenhorst beendet haben. Wir steigen ins Auto, machen die Türen zu und sind wieder zurück in unserer eigenen Lebenswirklichkeit.
Zurück in der X-Ground Kirche, treffen wir andere Exkursions-Teilnehmende. Sie alle wirken irgendwie verändert, in ihren Gedanken versunken oder in regen Gesprächen mit anderen Teilnehmenden. Nicht selten schnappe ich Worte wie "tief berührt" oder "Parallelwelt" auf, niemand wirkt so unbefangen wie vorher. Und ich, ich habe irgendwie das Gefühl, etwas von mir dort im Haus Eulenhorst gelassen zu haben; ich kann das kleine Zimmer mit den vielen Stofftieren nicht vergessen, muss ständig an die Trauerecke mit den vielen Bildern denken. Ich habe das Gefühl, nicht mehr dieselbe zu sein, die da zurückgekommen ist.
Namen der Bewohnerinnen und Bewohner geändert